Dienstag, 26. August 2014

Eischneesuppe

Andere Kinder hatten Omas, die sie mit Kosenamen anredeten, die küssten und knuddelten, ihnen bei jeder Gelegenheit Fünfmarkstücke oder Schokolade zusteckten und beim Nachtisch auch mal zwei Portionen Eis durchgehen ließen. Meine Oma ist nicht so. Ihre Stimme ist rau, genau wie ihre Hände. Sie redet nicht viel und hat auch keinen Kosenamen für mich. Aber meine Oma macht Eischneesuppe. Eischneesuppe ist flüssiger Vanillepudding mit Eischneeinseln, Zimt und Zucker und für mich alles Gute gleichzeitig: Weich und warm, schaumig, knisternd. An solchen Tagen wie heute, wenn es schon ein bißchen kalt ist, dann denke ich daran, wie wir bei ihr am Küchentisch sitzen. Meine Schwestern und ich. Opa am Kopfende, den Arm um den Teller gelegt und still löffelnd, wir auf der Eckbank. Natürlich streiten wir uns darüber, wer am meisten Eischnee bekommen hat. Wenn wir die Teller ausgelöffelt hatten, und sie sorgfältig gestapelt auf dem Servierwagen neben der Spüle standen und dann vielleicht zufällig aus dem Radio der Schneewalzer kam, dann würde Oma mir Walzertanzen beibringen. Sie in Hausschuhen, die Schürze noch um, ich auf Socken mit kalten Füßen. Dicht an ihre Brust gedrückt schiebt sie mich über den Fliesenboden und zählt mit mir gemeinsam im Takt, bis das Lied vorbei ist und der Abwasch gemacht werden muss. Und in mir drin ist es danach noch lang warm und vanillig.

Montag, 30. Januar 2012

Neulich in Neukölln


heute beim Uhrenhändler: "die is kaputt. könnse nichts machn". "Ach schade, das ist meine Kindheitsuhr, die hätte ich gern wieder getragen" "wartense mal. ick gloob... (wühlt unterm Ladentisch) da isse ja - gleiches Modell. Und funktioniert! hier noch mit D-Mark Preis!" "hmhm. aber die hat ja jetzt nicht den gleichen nostalgischen Wert. Und Teuer ist sie auch noch. Da muss ich erstmal überlegen." "wissense was. ich leg die jetzt ins Schaufensta. Kooft bestimmt einer. und dann hamse Pech gehabt." Ach Neukölln.

Donnerstag, 2. Juni 2011

Junge Tiere schauen dich an

Wie es sich für einen Teenager gehört, habe ich ziemlich viel Zeit und Energie darauf verwendet möglichst oft der ungeteilten Aufmerksamkeit meiner Familie habhaft zu werden. So kam es, dass ich mit 13 Jahren, als wir alle um die weihnachtlich gedeckte Tafel versammelt waren, eröffnete, dass ich auf keinen Fall das von meiner Mutter an mehreren Tagen zubereitete Essen, Reh-Ragout mit Preiselbeeren, Kartoffeln usw. essen würde. Meine Mutter, von den gastronomischen Anstrengungen der vergangenen Tage völlig geschwächt bekam einen cholerischen Anfall und verbot mir, jemals wieder in ihrem Haus Fleisch zu essen, sollte ich es wagen, meinen bereits gefüllten Teller mit Rehragout stehen zu lassen. So wurde ich Vegetarierin.